Die Wahrheit über Stalin

Herausgegeben 1979 von der
Kommunistischen Partei Deutschlands/MarxistenLeninisten

Der „Hitler-Stalin-Pakt“

Nicht Wegbereitung des Krieges, sondern Fortsetzung einer langjährigen Friedenspolitik.

Der Abschluss des Nichtangriffspakts zwischen der UdSSR und Deutschland am 23. August 1939 war stets einer der Hauptangriffspunkte der westlichen Propaganda gegen die Stalinsche Außenpolitik. Erst vor kurzem, anlässlich der zahlreichen Aktionen der Kriegsgegner unseres Landes, am 40. Jahrestag des Nazi-Überfalls auf Polen, wurde diese Propaganda in aller Schärfe wieder aufgenommen. Dieses Abkommen, das von der westlichen Propaganda“ Hitler-Stalin-Pakt genannt wird, soll Hitlers Freibrief für den Krieg gewesen sein, zugleich eine neue polnische Teilung zwischen - wie gesagt wird - „zwei Diktatoren“.

Wie kam es zu diesem Nichtangriffspakt, was bedeutete er, was hatte er für Konsequenzen?

Die Situation in jenen Jahren hatte sich immer offener dahin entwickelt, dass die faschistischen Staaten, vor allem Deutschland und Italien, immer aggressiver wurden, während die anderen kapitalistischen Länder, vor allem England, Frankreich und die USA, immer offener danach trachteten, ihnen Zugeständnisse zu machen und sie nach Osten in Richtung auf die UdSSR zu lenken.

Das Münchner Abkommen vom 29. September 1938 war dafür der beste Beweis. Hitler und Mussolini auf der einen Seite und die Ministerpräsidenten von England und Frankreich, Chamberlain und Daladier, auf der anderen Seite beschlossen dort, ohne jemanden zu fragen, dass die vorwiegend deutsch besiedelten Gebiete der Tschechoslowakei vor allem an den Grenzen von Böhmen und Mähren, aber auch solche Gebiete mit überwiegend nichtdeutscher Bevölkerung bis zum 10. Oktober 1938 von der Tschechoslowakei an Hitler-Deutschland abgetreten werden müssen.

Dieses Abkommen, mit dem die Rechte eines souveränen Staates, der Tschechoslowakischen Republik (CSR), mit Füßen getreten wurden, sollte - so Chamberlain - den Frieden sichern.

„In den Aggressionsplänen des deutschen Imperialismus war die Okkupation der Tschechoslowakei eines der ersten Etappenziele, Die faschistische Henlein-Bewegung erhielt den Auftrag, die Tschechoslowakei sturmreif zu machen. Unter dem Vorwand der ungelösten Minderheitenfrage entfalteten die Faschisten ein wüstes chauvinistisches und irredentistisches Treiben mit dem Ziel, die vorwiegend in den Grenzgebieten Böhmens und Mährens wohnenden deutschen Bevölkerungsteile der Tschechoslowakei zum Stoßtrupp gegen die Souveränität und Integrität der Tschechoslowakischen Republik zu machen.“[3]

Allein schon aus dieser Kenntnis der Rolle der Sudetendeutschen Partei Henleins in der Vorgeschichte des Münchner Abkommens wird klar, dass niemand ernsthaft glauben konnte, mit diesem Abkommen sei der Ausdehnungs- und Eroberungshunger Hitler-Deutschlands gestillt. Am 15. März 1939 marschierten Hitlers Truppen in Prag ein und besetzten die restliche Tschechoslowakei einschließlich der Karpato-Ukraine. Am 23. März marschierte die Wehrmacht in das Memelgebiet in Litauen ein und besetzte es.

Wenige Tage zuvor, am 10. März 1939, hatte J.W. Stalin in seinem Bericht an den XVIII. Parteitag der KPdSU(B) folgendes zum bereits stattfindenden Krieg erklärt:

„Aber der Krieg ist unerbittlich. Man kann ihn hinter keinerlei Kulissen verstecken. Denn hinter keinerlei ,Achsen’, ,Dreiecken’ und ,Antikomintern-Pakten’ läßt sich die Tatsache verstecken, dass Japan während dieser Zeit ein gewaltiges Gebiet Chinas, Italien - Abessinien, Deutschland Österreich und das Sudetengebiet, Deutschland und Italien gemeinsam Spanien an sich gerissen haben, all dies entgegen der Interessen der nichtaggressiven Staaten. Der Krieg blieb Krieg, der Kriegsblock der Aggressoren blieb ein Kriegeblock und die Aggressoren blieben Aggressoren.

Ein kennzeichnender Zug des neuen imperialistischen Krieges besteht darin, dass er noch nicht zu einem allgemeinen, zu einem Weltkrieg geworden ist. Der Krieg wird von den aggressiven Staaten geführt, die die Interessen der nichtaggressiven Staaten, vor allem Englands, Frankreichs und der USA, in jeder Weise schädigen; die letzteren weichen jedoch zurück, treten den Rückzug an, machen den Aggressoren ein Zugeständnis nach dem anderen.“[4]

Das war die klare und eindeutige Auffassung der KPdSU(B) und der Regierung der UdSSR. Dementsprechend unternahm sie alles Mögliche, um eine Situation zu schaffen, wo die Aggressivität der faschistischen Länder, vor allem Deutschlands, gebändigt wurde.

Im ganzen Jahr 1939 gab es eine lange Reihe von sowjetischen Versuchen, einen Beistandspakt mit England, Frankreich und Polen zu erzielen.

Die Haltung der Regierungen dieser Länder aber waren eindeutig. Sie waren gegen einen Pakt mit der UdSSR. Eingestanden wird dies auch vom damaligen stellvertretenden Außenminister der USA, Sumner Welles. Er schreibt:

„In diesen Vorkriegsjahren waren die Finanz- und Handelskreise der westlichen Demokratien einschließlich der Vereinigten Staaten absolut davon überzeugt, dass ein Krieg zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion nur ihren eigenen Interessen dienen würde. Sie glaubten, dass Rußland bestimmt besiegt und damit der Kommunismus vernichtet werden würde. Deutschland aber würde dann so geschwächt sein, dass auf viele Jahre hinaus die übrige Welt nicht mehr ernsthaft werde bedrohen können.[5]

Auf Druck der sowjetischen Politik kam es im März, Juli und August 1939 endlich zu Dreierverhandlungen zwischen Frankreich, England und der UdSSR. Dort machte die UdSSR ganz klare und genaue Vorschläge zur Sicherung des Friedens gegen Hitler-Deutschland.

„Das Mitglied der sowjetischen Delegation, B.M. Schaposchnikow, erklärte, (...) die Sowjetunion sei bereit, gegen den Aggressor 120 Infanteriedivisionen, 16 Kavalleriedivisionen, 5000 Geschütze mittleren und schweren Kalibers, 9000 bis 10000 Panzer, 5000 bis 5500 Bomben- und Jagdflugzeuge bereit zu stellen. Das Mitglied der britischen Mission, General Heywood, nannte fünf Infanteriedivisionen und eine motorisierte Division. Allein das zeugte schon davon, dass die Vertreter Englands die Verhandlungen mit der UdSSR nicht ernst nahmen.[6]

Es war also ganz klar und eindeutig, wer gegen die Aggression der Wehrmacht kämpfen wollte und wer nicht. Alle späteren Vorwürfe, die Sowjetunion hätte damals ein Doppelspiel getrieben, erweisen sich angesichts solcher konkreter Vorschläge als Propagandalügen.

Diese Vorwürfe wurden zum ersten Mal dokumentiert in einem 1948 in Washington herausgegebenen Buch mit dem Titel Nazi-Soviet Relations 1939-1941“. Dass diese dort erhobenen Vorwürfe freie Erfindungen und absichtliche Falschauslegungen sind, gesteht auch ein Mann ein, der der Sympathie zum Kommunismus wahrlich nicht verdächtig ist: Winston Churchill.

„Nicht einmal im Lichte der geschichtlichen Perspektive kann bezweifelt werden, dass England und Frankreich den russischen Vorschlag hätten annehmen müssen (...)“[7].

Churchill gesteht also ein, dass die Verhandlungslage im August 1939 in Moskau so war, wie es vorhergesagt wurde: Die Sowjetunion machte Vorschläge, die Westmächte lehnten sie ab.

Erst angesichts dieser Sachlage nahm die Sowjetregierung ein Angebot der deutschen Regierung an, über die Verbesserung der Beziehungen und einen Nichtangriffspakt zu verhandeln.

Daraus entstand dann der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt.

Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken

„Die Deutsche Reichsregierung und
die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken,
geleitet von dem Wunsche, die Sache des Friedens zwischen Deutschland und der UdSSR zu festigen und ausgehend von den grundlegenden Bestimmungen des Neutralitätsvertrags, der im April 1926 zwischen Deutschland und der UdSSR geschlossen wurde, sind zu nachstehenden Vereinbarungen gelangt:

Artikel I:

Die beiden vertragsschließenden Teile verpflichten sich, sich jeden Gewaltakts, jeder aggressiven Handlung und jedes Angriffs gegeneinander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten.

Artikel II:

Falls einer der vertragsschließenden Teile Gegenstand kriegerischer Handlungen seitens einer dritten Macht werden sollte, wird der andere vertragsschließende Teil in keiner Form diese dritte Macht unterstützen.

Artikel III

Die Regierungen der beiden vertragsschließenden Teile werden künftig fortlaufend zwecks Konsultation in Fühlung miteinander bleiben, um sich gegenseitig über Fragen zu informieren, die ihre gemeinsamen Interessen berühren.

Artikel IV

Keiner der beiden vertragsschließenden Teile wird sich an einer Mächtegruppierung beteiligen, die sich mittelbar oder unmittelbar gegen den anderen Teil richtet.

Artikel V:

Falls Streitigkeiten oder Konflikte zwischen den vertragsschließenden Teilen über Fragen dieser oder jener Art entstehen sollten, werden beide Teile diese Streitigkeiten oder Konflikte ausschließlich auf dem Weg freundschaftlichen Meinungsaustausches oder nötigenfalls durch Einsetzung von Schlichtungskommissionen bereinigen.

Artikel VI:

Der gegenwärtige Vertrag wird auf Dauer von zehn Jahren abgeschlossen mit der Maßgabe, dass, soweit nicht einer der vertragsschließenden Teile ihn ein Jahr vor Ablauf dieser Frist kündigt, die Dauer der Wirksamkeit dieses Vertrags automatisch für weitere fünf Jahre als verlängert gilt.

Artikel VII:

Der gegenwärtige Vertrag soll innerhalb möglichst kurzer Frist ratifiziert werden. Die Ratifiaktionsurkunden sollen in Berlin ausgetauscht werden. Der Vertrag tritt sofort mit seiner Unterzeichnung in Kraft.

Angefertigt in doppelter Urschrift, in deutscher und russischer Sprache.

Moskau,
am 23. August 1939

Für die Deutsche Reichsregierung
v. Ribbentrop

In Vollmacht der Regierung der UdSSR
W. Molotow“[8]

Mit dem Abschluss dieses Vertrags waren zunächst einmal alle Versuche der Westmächte - Frankreichs, Englands und der USA - Deutschland und die UdSSR aufeinander zu hetzen, gescheitert.

Dieser Vertrag hinderte Hitler-Deutschland daran, sofort einen Angriff auf die UdSSR vorzunehmen. Dieser Vertrag, dessen Text sich nicht von den Texten anderer in diesen Jahren abgeschlossener Pakte unterscheidet, war eine logische Fortsetzung der Friedenspolitik der UdSSR unter der Bedingung, dass die westlichen bürgerlich-demokratischen Länder sich weigerten, ein gemeinsames Vorgehen gegen Hitler-Deutschland ernsthaft ins Auge zu fassen. Dieser Vertrag konnte überhaupt keine Ermutigung für Hitlers Kriegspläne sein, die ja offen auf dem Tisch lagen.

Bleibt aber noch das „Trumpf-As“ der antisowjetischen Propaganda, vor allem der späteren Zeit des kalten Krieges, das so genannte geheime Zusatzprotokoll.

Nun ist dieses geheimnisvolle Zusatzprotokoll zwar niemals von sowjetischer Seite bestätigt oder gar veröffentlicht worden. Doch nehmen wir einmal an, der Text der amerikanischen Veröffentlichung sei authentisch. Was steht darin?:

Zusatzprotokoll

„Aus Anlass der Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrags zwischen dem Deutschen Reich und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben die unterzeichneten Bevollmächtigten der beiden Teile in streng vertraulicher Aussprache die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa erörtert. Diese Aussprache hat zu folgendem Ergebnis geführt:

1. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten gehörenden Gebieten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessensphären Deutschlands und der UdSSR, Hierbei wird das Interesse Litauens an dem Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.

2. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete werden die Interessensphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt.

Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden.

In jedem Falle werden beide Regierungen diese Frage im Wege einer freundschaftlichen Verständigung lösen.

3. Hinsichtlich des Südostens Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige politische Desinteressement an diesen Gebieten erklärt.

4. Dieses Protokoll wird von beiden Seiten streng geheim behandelt werden.

Moskau,
den 23. August 1939

Für die Deutsche Reichsregierung
v. Ribbentrop

In Vollmacht der Regierung der UdSSR
W. Molotow“[8]

Wir haben in der gesamten Betrachtung der Vorgeschichte dieses Abkommens Polen ausgeklammert, um dies in einem Zug und damit übersichtlich behandeln zu können.

Die Regierung Polens war einer der wichtigsten Gründe für das Scheitern der Verhandlungen der UdSSR mit den Westmächten über ein gemeinsames Vorgehen gegen die faschistischen Mächte.

Der französische Unterhändler bei den Verhandlungen in Moskau, General Doumenc, schickte im August 1939 mehrmals Emissäre nach Warschau, um nachzufragen, ob die polnische Regierung bereit wäre, den sowjetischen Truppen beim Krieg gegen Hitler-Deutschland ein Durchmarschrecht durch polnisches Gebiet zu geben, was die einzige Möglichkeit für die Rote Armee gewesen wäre, rasch gegen den Feind antreten zu können.

Die Antwort des damaligen polnischen Generalstabschefs ist bekannt:

„Mit den Deutschen riskieren wir, unsere Freiheit zu verlieren. Mit den Russen verlieren wir unsere Seele.[9]

Das waren die Worte des Marschalls Rydz-Smigly, dem Oberbefehlshaber der polnischen Armee. Das war die Haltung der polnischen Regierung, die lieber bei Hitler ihre Freiheit riskieren wollte, als der Roten Armee das Durchmarschrecht zu genehmigen, Warum hatte die polnische Regierung eine so feindliche Haltung gegen die UdSSR, dass sie es vorzog, lieber Hitler im Land zu haben, als die Sowjetarmee durchziehen zu lassen?

Das liegt in der Geschichte zwischen den beiden Staaten begründet.

In den drei Jahren nach der Oktoberrevolution von 1917 in Rußland, als Armeen aus 14 Staaten über das Land des Sozialismus herfielen, hatten sich auch die polnischen Großgrundbesitzer und Feudalen, die Pans, einen riesigen Brocken vom Lande der Sowjets geraubt. Und zwar auf folgende Weise:

Trotz des Friedensangebots der Sowjetregierung vom 29. Januar 1920 an Polen eröffnete die polnische Armee einen großen Feldzug gegen die UdSSR. Kriegsziel war es, ganz Weißrußland und die ganze Ukraine zu erobern. Die polnische Armee stieß am 8. Mai 1920 sogar bis Kiew vor. Der Gegenschlag der Roten Armee aber vertrieb die polnische Armee und führte bis vor die Tore Warschaus. Jetzt bekam Polen die volle Unterstützung Frankreichs und Englands. Diese beiden Staaten waren deshalb besonders am polnischen Sieg interessiert, weil englischen und französischen Monopolen fast 40 Prozent der Industrieanlagen in Polen gehörten.

Die Sowjetregierung, die den Frieden wollte, war bereit, einen Vertrag abzuschließen, obwohl die Bedingungen dieses Vertrags schändlich waren. Sie tat es, um endlich den Frieden für ihre Völker zu erreichen. Am 18. März 1921 wurde so der Vertrag von Riga unterzeichnet, der die neuen Grenzen zwischen Polen und der Sowjetunion markierte.

Diese neuen Grenzen waren Polen faktisch schon durch die Pariser Friedenskonferenz von 1919 zugestanden worden. Der Oberste Rat der Friedenskonferenz hatte zwar die so genannte Curzon-Linie als Grenze akzeptiert, aber ohne die Anwesenheit Rußlands noch folgenden Beschluss gefasst:

„Die Konferenz hat (...) ausdrücklich die Frage der Forderungen, die Polen auf die Gebiete östlich dieser Linie anmelden könnte, offen gelassen. Die Konferenzteilnehmer glaubten, nicht in der Lage zu sein, darüber zu entscheiden und überließen die Regelung späteren Verhandlungen zwischen Polen und Rußland.“[10]

Die Curzon-Linie, östlich derer also Polen noch weiteres Territorium zugestanden werden sollte, wurde in der „Erklärung über die provisorischen Ostgrenzen Polens“ vom Obersten Rat der Friedenskonferenz ausgearbeitet. Sie hat ihren Namen nach dem beteiligten britischen Diplomaten Curzon. Folgendermaßen war diese Linie bestimmt:

„Es folgt die Beschreibung der in Frage stehenden Linie. Diese begann an dem Punkt, wo die alte Grenze zwischen Rußland und Österreich-Ungarn den Fluss Bug traf; sie verlief am Westufer dieses Flusses stromabwärts, so dass Brest-Litowsk zu Rußland kam; südlich von Niemirow zweigte sie vom Bug nach Nordosten ab und ließ die Stadt Stolbce bei Polen und die Stadt Skupowo bei Rußland; von dort folgte sie dem Fluss Swisloch stromabwärts gegen Norden bis zur Einmündung der Laszanka; an diesem Fluss verläuft sie stromaufwärts gegen Nordwesten und überlässt Rußland die Stradt Grodno; von da folgt sie immer in nordwestlicher Richtung dem Lauf des Njemen bis zum Dorf Warwiszki, von dort gegen Westen dem Lauf des Marycha, schließlich der Verwaltungsgrenze des Gouvernements Suwakli entlang, bis sie die alte Grenze zwischen Rußland und Ostpreußen trifft.“[11]

Das also war die von der Friedenskonferenz festgehaltene Grenze, die Curzon-Linie. Nachdem aber die Konferenz der Ostverschiebung der polnischen Grenzen faktisch schon grünes Licht gegeben hatte, und weil die Interessen der polnischen Pans, der englischen und französischen Kapitalisten diese Verschiebung verlangten, begann der neue Feldzug gegen die Sowjetunion, der durch die geeinten Kräfte dieser Staaten mit einem sowjetischen Zugeständnis endete.

So wurde der Vertrag von Riga diktiert. Sein Inhalt:

Im Vergleich zur Curzon-Linie vom 8. Dezember 1919 bedeutete die Grenze des Vertrages von Riga für Polen einen Gebietszuwachs von 110000 Quadratkilometern.[12]

Dadurch waren die Ukrainer und die Weißrussen in zwei Staaten gespalten worden und wurden in Polen zu einer unterdrückten nationalen Minderheit. Vor allem dieses Gebiet, diese 110000 Quadratkilometer waren es, die die Regierung der UdSSR im so genannten Zusatzprotokoll als ihre Interessensphäre angab. Aber es umfasst noch mehr. Die ganze Westukraine und das ganze westliche Weißrußland.

An ihren Enden umschließt die Sowjetgrenze von 1939 gewisse Gebiete, welche die Curzon-Linie Polen überlassen hatte. Tatsächlich kommt im Gegensatz zur Abgrenzung von 1919 durch die Grenzziehung von 1939 Bialystok im Norden und Przemysl im Süden zur UdSSR.

Wie W. Molotow am 31. Oktober 1939 im Obersten Rat der Sowjetunion erklärt hat, umfasste das Gebiet, das der UdSSR zugesprochen wurde, insgesamt 196000 Quadratkilometer (Westliches Weißrußland - 108000 Quadratkilometer, West-Ukraine - 88000 Quadratkilometer). Die Bevölkerungszahl des westlichen Weißrußlands betrug 4,8 Millionen, diejenige der West-Ukraine 8 Millionen, im ganzen ungefähr 13 Millionen, darunter über 7 Millionen Ukrainer und über 3 Millionen Weißrussen. Die UdSSR erwarb insbesondere die wichtigen Städte Lemberg, Stanislau, Tarnopol, Luzk, Brest-Litowsk, Grodno und Nowogrodek. Am 10. Oktober 1939 schloss die UdSSR einen gegenseitigen Beistandsvertrag mit Litauen und überließ der Republik Litauen Stadt und Gebiet von Wilna.

Abgeordnetenwahlen für die Volksversammlung der West-Ukraine und für die Volksversammlung des westlichen Weißrußlands fanden am 22. Oktober statt. Wahlberechtigt waren die Männer und Frauen über 18 Jahre. Jeder Wahlkreis umfasste ungefähr 5000 Einwohner und wählte in geheimer Wahl mit absoluter Stimmenmehrheit einen Abgeordneten. In der West-Ukraine betrug die Wahlbeteiligung 93 Prozent, im westlichen Weißrußland 96,7 Prozent. Die Kandidaten, die von verschiedenen Organisationen wie Bauernkomitees, Arbeitervereinigungen usw. aufgestellt worden waren, erhielten in der West-Ukraine 90,9 Prozent und im westlichen Weißrußland 90,7 Prozent der Stimmen. Die Gegenstimmen und die ungültigen Stimmen beliefen sich auf ungefähr 9 Prozent.

Die Volksversammlung der West-Ukraine wurde am 26. Oktober im Lemberg einberufen, die des westlichen Weißrußlands am 28. Oktober 1939 in Bialystok. Beide Versammlungen proklamierten den Beitritt zu den Sowjetrepubliken Ukraine und Weißrußland.

Am 1. November 1939 nahm der in Moskau zusammengetretene Oberste Rat der Sowjetunion, bestehend aus dem Rat der Union und dem Nationalitätenrat, ein Gesetz über den Beitritt der West-Ukraine zu der UdSSR und ihre Eingliederung in die sozialistische Sowjetrepublik Ukraine an. Am nächsten Tag erließ der Oberste Rat ein entsprechendes Gesetz, weiches das westliche Weißrußland mit der sozialistischen Sowjetrepublik Weißrußland vereinigte.[12a]

Am 1. September 1939 hatten die deutschen Nazis den Krieg mit Polen vom Zaun gebrochen, den sie mit ihrer „Blitzkriegtaktik“ rasch gewannen. Die polnische Regierung floh am 13. September nach London.

Erst danach, am 17. September 1939, als es keinen polnischen Staat mehr gab, war die Rote Armee in das bezeichnete Gebiet eingerückt. Alle bisher von Polen beherrschten Westukrainer und Westweißrussen kamen zu ihrer Nation zurück[12b].

Am 1. Oktober 1939 schrieb die französische Zeitung „Le Temps“ dazu, dass „vom rein rassischen Standpunkt punkt aus diese Grenze absolut den Charakter einer ethnischen und Sprachgrenze hat.[12b] Der Moskauer Korrespondent derselben Zeitung, ebenfalls am 1. Oktober: „Die Russen erhalten alte von Ukrainern und Weißrussen besiedelten Gebiete. Die Grenze ist, soweit man das feststellen kann, ethnologisch berechtigt.[12c] Sie waren in Polen einer ständig stärkeren nationalen Unterdrückung ausgesetzt gewesen. Hatte noch die Pariser Friedenskonferenz den Schutz dieser nationalen Minderheiten in Polen verlangt, so hatte außer der UdSSR niemand gegen den am 13. September 1934 vom polnischen Außenminister Beck verkündeten Beschluss der polnischen Regierung protestiert:

„Bis zur Inkraftsetzung eines allgemeinen und einheitlichen Systems zum Schutze der Minderheiten sieht sich meine Regierung gezwungen, ab heute jegliche Mitarbeit mit den internationalen Organen bezüglich der Kontrolle der Anwendung des Minderheitenschutzes durch Polen zu verweigern.“[13]

Das war der offizielle Auftakt zu einer verstärkten Verfolgung der ukrainischen und weißrussischen Bevölkerung gewesen. Aus diesem Grunde kann sich niemand wundern, wenn die Rote Armee in diesen Gebieten, wo diese Nationalitäten die übergroße Mehrheit darstellten, lebhaft willkommen war.

Das war die Geschichte der polnisch-sowjetischen Grenze bis 1939. Die Interessensphäre der Sowjetunion, wie sie in dem angeblichen Zusatzprotokoll genannt wird - oder real gesagt - Der Einmarsch der Roten Armee in diese Gebiete - war keine Annexion polnischer Gebiete, sondern die Wiedervereinigung der Ukrainer und Belorussen in einem Staat. Sie war gleichzeitig der Haltepunkt für den deutschen Vormarsch, eine sowjetische Frontlinie gegen den deutschen Vormarsch.

Am 22. Februar 1944 hatte Winston Churchill in einer Rede gesagt:

„Wir haben die Besetzung Wilnas im Jahre 1920 nicht gebilligt. Der britische Standpunkt findet seinen Ausdruck in der so genanten Curzon-Linie, die in jedem Fall eine unparteiische Lösung des Problems darstellt.[14]

So wurde vor dem kalten Krieg gesprochen, als noch ehrlich argumentiert wurde, als noch zugegeben wurde, dass der sowjetische Standpunkt keine Großmachtpolitik war, sondern historisch rechtmäßig und militärisch sinnvoll.

Auch an anderer Front unternahm die UdSSR Vorsichtsmaßnahmen. Zum zweiten die baltischen Staaten.

„Die Besetzung Polens durch die deutschen Truppen erhöhte die Gefahr, dass Deutschland auch vom Baltikum aus in die Sowjetunion einfallen könnte. Die bürgerlichen baltischen Republiken konnten den Nazis nicht den nötigen Widerstand entgegensetzen und dies umso weniger, als die deutschen militärischen Erfolge die profaschistischen Elemente dieser Republiken ermunterten. Es musste sogar befürchtet werden, dass sie zu Vasallen des faschistischen Deutschland und späteren Aufmarschräumen für den Krieg gegen die UdSSR würden.

Deshalb bot die Sowjetregierung den baltischen Ländern Beistandspakte an.

Die Völker der baltischen Länder stimmten dem sowjetischen Vorschlag zu und die Regierungen der baltischen Republiken willigten ebenfalls ein. So unterzeichnete die Sowjetregierung am 28. September 1939 mit Estland, am 5. Oktober mit Lettland und am 10. Oktober mit Litauen Beistandspakte. In diesen Verträgen verpflichteten sich die Sowjetunion und die baltischen Länder, einander zu helfen und sich bei einem direkten Angriff oder der Gefahr eines Angriffs durch irgendeine europäische Großmacht auch militärisch zu unterstützen. Estland und Lettland verpachteten der Sowjetunion eine Reihe von Flotten-, Luft- und Artillieriestützpunkten, während Litauen der Sowjetunion das Recht einräumte, in einigen Gebieten Land- und Luftstreitkräfte in bestimmtem Umfang zu stationieren.“[15]

Nachdem in der Folge des sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakts auch der Tenno Japans bereit war, einen Nichtangriffspakt zu unterzeichnen, hatte die UdSSR zunächst einmal durch ihre Friedenspolitik eine gewisse Absicherung erreicht, waren die Westgrenzen und die Grenzen in Fernost gegen die faschistischen Hauptaggressoren vertraglich gesichert. Polen aber war vorläufig zerstört. Die Garantien, die England im Frühjahr 1939 einseitig für Polen gegeben hatte, um die Notwendigkeit eines Abkommens mit der UdSSR überflüssig zu machen, hatten nicht genutzt. Im Gegenteil. Sie waren für die Nazis ein Grund gewesen, mit der UdSSR einen Pakt zu schließen, um ihrerseits zwei Fronten zu vermeiden. So hatte England Polen im Stich gelassen.

Aber selbst nach dem Fall Polens, nachdem der Großteil Polens von Hitler-Deutschland besetzt war, änderten die Westmächte ihre Haltung nicht. Der Herbst 1939 und Winter 1940 waren die Zeit des „komischen Krieges“, wie er in der Militärliteratur genannt wird. An der Westfront standen sich die Truppen Frankreichs und Deutschlands untätig gegenüber. Der Grund war klar: Finnland.

Über die englischen und französischen Politiker in jenen Tagen schrieb Charles de Gaulle:

„Sie dachten weit mehr daran, mit welchen Mitteln man Rußland schlagen könne - sei es durch eine Hilfeleistung an Finnland, sei es durch einen Bombenangriff auf Baku oder durch eine Landung in Konstantinopel - als daran, auf welche Weise man mit dem ‚Reich’ fertig werden könnte.“[16]

Auch die Politik der USA ging nach wie vor in diese Richtung. Im Frühjahr 1940 traf der Sondervertreter des Außenministeriums der USA, Stallforth, in Berlin ein. Er erklärte, er sei nach Berlin gekommen, um „bei den führenden Leuten auf Frieden zu drängen.“[17]

Die Westmächte setzten ihre Hoffnungen auf Finnland. Aber auch die deutschen Nazis setzten ihre Hoffnungen auf Finnland. Denn die Grenze zu Finnland, zu jenem Land also, dem die Oktoberrevolution die nationale Unabhängigkeit gegeben hatte, das vorher vom Zaren unterjocht worden war, die Nordgrenze der UdSSR - sie war jetzt der schwache Punkt der UdSSR, der Punkt, über den am leichtesten eine Aggression gegen die UdSSR gestartet werden konnte.

Und in Finnland herrschte die Reaktion!

Auf der Karelischen Landenge legten die finnischen Armeen eine starke gestaffelte Reihe von Befestigungsanlagen an, die so genannte Mannerheim-Linie.

Die finnischen Behörden ließen zahlreiche Straßen und Bahnlinien an die sowjetische Grenze heranbauen. Das alles zielte auf eins: auf Leningrad! Ganze 30 Kilometer, in Reichweite schwerer Geschütze, lag Leningrad von der finnisch-sowjetischen Grenze entfernt.

Deshalb machte die UdSSR der finnischen Regierung den Vorschlag, Grenzverhandlungen aufzunehmen, die am 12. Oktober 1939 begannen. Diese Grenzverhandlungen waren vorgeschlagen worden, nachdem die finnische Regierung den ersten Vorschlag, einen Beistandspakt, bereits abgelehnt hatte.

Aber die finnische Verhandlungsdelegation war gesteuert, ferngesteuert aus USA. Der US-Botschafter in Finnland berichtete an sein Außenministerium, die Instruktionen für diese Verhandlungsdelegation seien „gerade so hart, wie es die USA wollen.[18]

Die Grenzvorschläge der sowjetischen Regierung waren eindeutig. An der Karelischen Landenge sollten die Finnen der Verlegung der Grenze nach Norden auf ihre Kosten zustimmen. Dafür sollten sie doppelt soviel Territorium von Sowjetkarelien erhalten. Außerdem wollte die UdSSR im finnischen Meerbusen ein Gebiet für einen Flottenstützpunkt pachten. Der gewiss nicht freundlich zur UdSSR eingestellte englische Journalist Alexander Werth macht in seinem Buch „Rußland im Krieg“ dazu folgende persönliche Bemerkung:

„Die beiden späteren Staatspräsidenten Paasikivi und Kekkonen, die seinerzeit für eine friedliche Schlichtung des Streits eingetreten waren, erzählten mir 1945, ihrer Meinung nach seien die sowjetischen Vorschläge gemäßigt und verständlich gewesen. Der Krieg sei vielleicht zu vermeiden gewesen, wenn sich Paasikivis und Kekkonens Politik durchgesetzt hätte.[19]

Aber die finnische Regierung brach die Verhandlungen ab. Sie zog ihre Streitkräfte an der Grenze zusammen und nahm Ende November Einheiten der Roten Armee auf sowjetischem Boden unter Artilleriebeschuss. Damit hatte sie den bestehenden sowjetisch-finnischen Nichtangriffspakt gebrochen.

Obwohl die westliche Propaganda seitdem behauptet, dieser Artillerieüberfall sei erfunden, oder wenigstens, es sei „nur ein ganz kleiner Überfall“ gewesen, können sie damit die Tatsache nicht abstreiten, dass die finnische Regierung den Krieg provozierte. Das gesteht auch Gustav Mannerheim, General der finnischen Armee, ein.

„Ich zweifelte nicht daran, dass die USA und Großbritannien in den Konflikt eingreifen würden.“[20]

So kam es zum Krieg. Die Westmächte beeilten sich, die UdSSR als Aggressor darzustellen und betrieben am 14. Dezember 1939 den Ausschluss der UdSSR aus dem Völkerbund.

Der Völkerbund, der die japanischen, italienischen und deutschen Aggressoren geduldet und begünstigt hatte, vollendete seinen Verfall damit, dass er offen den von den finnischen Machthabern begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion billigte und unterstützte.[21]

Die Regierung der USA bewilligte Finnland eine Anleihe von 10 Millionen US-Dollar für den Bezug verbilligter Waffen.[22] In den USA wurden Freiwillige geworben, private Banken gaben weitere Kredite an Finnland. Großbritannien und Frankreich benutzten den Beschluss des Völkerbundes, um eine direkte Aggression gegen die UdSSR vorzubereiten. Am 15. März 1940 beschloss der gemeinsame Oberste Kriegsrat beider Länder, vom Nahen Osten aus in Baku und von Finnland aus in Leningrad einzufallen. Der französische Oberbefehlshaber General Gamelin, der im Auftrag der französischen Regierung den Angriffsplan ausarbeitete, berichtet von einem Brief des französischen Frontkommandierenden General Weygand an ihn, in dem dieser schrieb:

„Ich meinerseits halte es für das wichtigste, der Sowjetunion den Hals umzudrehen in Finnland (...) oder an einem anderen Ort.“[23]

Aber diese Pläne scheiteqrten, weil schon einige Tage zuvor die finnische Regierung den Vorschlag der Regierung der UdSSR angenommen hatte, über Friedensbedingungen zu verhandeln. Die Westmächte wollten zwar, dass Finnland den Krieg weiterführen sollte, stellten sogar ein schwedisch-norwegisches Sonderkorps auf, aber die Finnen, das finnische Volk wollte nicht länger als Kanonenfutter für die Ziele der Westmächte dienen, und so war die finnische Regierung gezwungen, Frieden zu schließen. Denn militärisch hatte die Rote Armee zu diesem Zeitpunkt bereits gesiegt. Sie hatte im Februar 1940 die Mannerheim-Linie durchbrochen, die finnische Armee war geschlagen, die Soldaten desertierten in Massen.

So wurde bereits am 12. März 1940 Frieden geschlossen. Die sowjetisch-finnische Grenze verlief nun 120 Kilometer weiter nördlich, Leningrad war sicherer.

Aus Anlass des Abschlusses des sowjetisch-finnischen Vertrags betonte W.M. Molotow am 29.3.1940 vor dem Obersten Sowjet:

„Die Sowjetunion, die die finnischen Armeen geschlagen und die volle Möglichkeit hatte, ganz Finnland zu besetzen, tat das nicht und forderte keine Kontributionen, um ihre Kriegsausgaben zu decken (...)

Wir strebten mit dem Friedensvertrag keine anderen Ziele an, als die Sicherheit von Leningrad und Murmansk wie auch die der Murmanbahn zu gewährleisten.“[24]

Somit war jetzt auch die Nordgrenze der UdSSR zunächst einmal gesichert und ein Neutralitätspakt mit Finnland geschlossen.

Aber, während England, die USA und Frankreich vor allem damit beschäftigt waren, eine Aggression gegen die UdSSR zu organisieren, während sie immer wieder ihre Fühler nach Berlin ausstreckten, um Friedensverhandlungen mit Hitler-Deutschland zu erreichen, hatten die deutschen Faschisten, hatten die gesamten Achsenmächte wie wild aufgerüstet. Am 9. April besetzte die Wehrmacht Dänemark, das kampflos kapitulierte. Am selben Tag landeten deutsche Truppen in allen norwegischen Häfen. Während der Einmarsch in Dänemark den Westmächten gleichgültig war, da Dänemark entsprechend den Übereinkünften infolge des Münchner Abkommens zum deutschen Interessengebiet gehörte, protestierte Großbritannien gegen den Einmarsch in Norwegen, da Norwegen zum Interessenbereich Großbritanniens gehörte (so waren mehr als 50 Prozent der norwegischen Industrie in den Händen der britischen Kapitalisten). In Nordnorwegen landeten britische Truppen, die aber von der Wehrmacht geschlagen wurden.

Und, obwohl die norwegische Bevölkerung wirklichen Widerstand leistete, wurde Norwegen besiegt. Norwegen war innerlich ausgehöhlt worden durch die Aktivitäten des früheren Kriegsministers Major Quisling, der eine profaschistische Bewegung organisiert hatte, zahlreiche - mehrere tausend - deutsche Agenten ins Land geholt hatte.

Die Besetzung Norwegens aber war ein Einschnitt in der Entwicklung.

Jetzt war die Politik der Westmächte, die Münchner Politik, wie sie entsprechend dem damaligen Abkommen allgemein genannt wurde, gescheitert.

Jetzt waren die Pläne, die deutsche Aggression nach Osten zu lenken, gescheitert. Jetzt kämpften England und Frankreich auf der einen Seite und Deutschland auf der anderen um ihre Interessengebiete, um ihren Einfluss.

Am 10. Mai 1940 marschierte Hitlers Wehrmacht in den Beneluxländern und in Frankreich ein. Am selben Tag wurde Chamberlain als britischer Regierungschef abgelöst und durch Churchill ersetzt.

Der faschistische „Blitzkrieg“ gegen Frankreich wurde von einem unerwartet schnellen deutschen Sieg gekrönt. Die erste Etappe des Überfalls war bereits Anfang Juni abgeschlossen, als die 300000 englischen und 90000 französische Soldaten von Dünkirchen evakuiert wurden. Bereits in diesen Tagen forderte der neue französische Oberbefehlshaber, General Weygand, die Kapitulation. Denn es war die Kommunistische Partei Frankreichs gewesen, die, entgegen aller anders lautenden Propaganda, als einzige Partei einen Volkskrieg gegen die Naziwehrmacht forderte.

Die Haltung der französischen herrschenden Klasse dazu war aber so eindeutig, dass sie selbst in der amerikanischen Presse damals so kommentiert wurde:

„Die französischen Großkapitalisten wollten lieber Hitler als die Volksfront in Paris (…). Einen Sieg fürchteten sie wohl noch mehr als eine Niederlage.“[25]

Die Übergabe von Paris an die deutschen Truppen wurde bezeichnenderweise vom amerikanischen Botschafter in Paris, W. Bullitt, als Unterhändler organisiert.

Nach der Auslieferung von Paris, der faktisch endgültigen französischen Niederlage, machte die britische Regierung der Regierung von Restfrankfreich den Vorschlag, eine „Britisch-Französische Union“ zu gründen, mit einer einheitlichen Staatsbürgerschaft und gleichen Rechten auf den Territorien der Länder. Sie wollte das französische Erbe antreten, Frankreich als Großmacht ausschalten. Denn Tatsache war ja, dass die französische Armee weitgehend zerschlagen war, während die britische nach wie vor bestand. Ministerpräsident Paul Reynaud sprach in der französischen Regierung dafür, diesen britischen Vorschlag anzunehmen. Marschall Petain und die Mehrheit der Regierung vertraten jedoch die Position: „Besser eine Naziprovinz als ein britisches Dominion“[26].

So kam es dazu, dass Frankreich am 22. Juni 1940, mit Petain als neuem Ministerpräsidenten, kapitulierte, der Hauptteil besetzt wurde, während der Rest des Landes in kolonialer Abhängigkeit von Deutschland verblieb.

In allen diesen Ereignissen zeigt sich das wahre Gesicht der herrschenden Klassen Englands und Frankreichs. Sie hatten dieselben imperialistischen Ziele, wie die faschistischen Achsenmächte, auch ihre Handlungen waren vor allem von dem Wunsch nach Vergrößerung der eigenen Macht und der Feindschaft zum Sozialismus und besonders der UdSSR geprägt.

Bis zum letzten Moment suchten sie, die Wehrmacht nach Osten zu hetzen.

Bis zum letzten Moment sahen sie in der UdSSR ihren Hauptfeind.

Bis zum letzten Moment nutzten sie jede Chance, eine Aggression gegen die UdSSR zu organisieren.

Die Stalinsche Außenpolitik der Sicherung des Friedens, der Sicherung der Staatsgrenzen der UdSSR machte alldem einen Strich durch die Rechnung.

Angesichts der Siege der faschistischen Armeen waren in den baltischen Ländern starke faschistische Organisationen entstanden, die systematisch gegen die Rote Armee und die UdSSR hetzten und verschiedene provokative Akte unternahmen. Im März 1940 sprach der litauische Präsident Smetona auf einem Kongress der Schaulisten Litauens, der faschistischen Organisation.

Dort rief Smetona zum Kampf gegen die UdSSR und alle Slawen auf.

Die Regierung der UdSSR wandte sich an die Regierungen der baltischen Staaten und forderte die Einhaltung der geschlossenen Verträge und die Möglichkeit, die - entsprechend den Verträgen - mögliche Zahl von Rotarmisten in diesen Ländern zu stationieren. Das gab dann der - ohnehin schon starken - Arbeiterbewegung in diesen Ländern großen Auftrieb. Es gelang ihnen, die profaschistischen Regimes durch demokratische Regierungen zu ersetzen, nachdem die Anwesenheit der Roten Armee den bewaffneten Terror der faschistischen Organisationen bei den Wahlen verhinderte.

Auch im restlichen Randgebiet Rußlands, in den ehemaligen russischen Gebieten Bessarabiens, verstärkte sich zu jener Zeit die Tätigkeit der faschistischen Organisationen, der Kriegshetze gegen die UdSSR. Die rumänische Regierung unter König Carol intensivierte ihre Beziehungen zu Deutschland.

Das war für die Regierung der UdSSR der Anlass, die Frage Bessarabiens, das die herrschenden Kreise Rumäniens 1918 an sich gerissen hatten, zu stellen und seine Rückgabe zu verlangen, wie auch das ukrainische Gebiet der Nordbukowina. Der „Volkswetsche“ (Volksversammlung) der Nordbukowina hatte bereits 1918 beschlossen, sich wieder mit der Sowjetukraine zu vereinigen, war aber von den rumänischen Monarchisten mit ihrer Armee daran gehindert worden. Jetzt, angesichts der feindlichen Haltung Rumäniens, forderte die UdSSR die Freigabe dieser Gebiete, die sie Ende Juni 1940 erreichte.

Das ist der ganze Umfang dessen, was angeblich von der UdSSR an Gebieten annektiert worden sei, im Zusammenhang mit dem Nichtangriffsabkommen mit Hitler-Deutschland.

Man sieht, es gab keine Annexionen. Was es gab, wer der Kampf um die Sicherung der Grenzen. Was es gab, wer die Wiederherstellung der Einheit der ukrainischen und belorussischen Nation, die als nationale Minderheiten in Polen und Rumänien unterdrückt gelebt hatten. Und was es gab, war der freiwillige, selbst gewählte, durch Wahlen verlangte Anschluss der baltischen Staaten an die UdSSR, ihr Eintritt In die Föderation als selbständige Republiken. Natürlich gegen einen erheblichen Widerstand der baltischen Faschisten, die ja auch in der deutschen Geschichte eine berüchtigte Rolle mit Ihren Freikorps der Baltikumer gespielt hatten.

Bleibt noch, kurz auf ein weiteres, zusätzliches Argument der antistalinistischen, antisowjetischen Propaganda einzugehen, das im Zusammenhang mit dem Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und Deutschland häufig benutzt wird. Die Partei und die Regierung der UdSSR und auch Stalin persönlich, so wird da behauptet, hätten wirklich an diesen Pakt geglaubt, sie hätten den Kampf gegen den Faschismus im eigenen Land wie auch international eingestellt und überall den kommunistischen Parteien befohlen, nichts mehr gegen die deutschen Faschisten zu unternehmen.

Wie offen erlogen diese Argumente sind, zeigt sich selbst an den dazu benutzten Dokumenten. In dem Buch „Stalin und Hitler“ von J.W. Brügel im Jahre 1973 im Wiener Europaverlag herausgegeben, das sich ganz auf die „Nazi-Soviet Relations“ von 1948 stützt, das wir schon erwähnt hatten, wird versucht, all diese Behauptungen anhand von Dokumenten zu beweisen.

Unter der Nummer 240 seiner so genannten Dokumentensammlung schreibt Brügel:

„Hitler wird in illegalen Zeitungen der belgischen Kommunisten entschuldigt“.[27]

Mag man sich von dieser Kapitalüberschrift zunächst überraschen lassen, so ist man noch viel mehr überrascht, wenn man das zum Beleg veröffentlichte Flugblatt der KP Belgiens anfängt durchzulesen. Dort steht als Überschrift:

„Zur Erweiterung des Krieges! Skandinavien das neue Opfer der Imperialisten! Die Armeen Hitlerdeutschlands fallen in Dänemark und Norwegen ein“

Eine seltsame Art von Entschuldigung Hitlers, denkt man da unwillkürlich. Aber, was Brügel hauptsächlich meint, ist die Losung der KP Belgiens, die dort veröffentlicht wird:

„Unsere Parole bleibt: Nicht mit London, nicht mit Berlin, nicht mit Paris!“[27]

Was in diesem Dokument angegriffen wird, was in allen Argumenten über die angebliche Hitlerfreundschaft der Kommunisten in der Zeit nach dem Abschluss des Nichtangriffspakts angegriffen wird, ist die Tatsache, dass die Kommunistischen Parteien, der Sowjetunion wie überall auf der Welt, den Krieg als einen imperialistischen Krieg bezeichneten, dass sie sich nicht dazu hergaben, Englands Ziele, die - wie wir gesehen haben - offen auf dem Tisch lagen, zu unterstützen - dass sie für den Frieden kämpften.

Wer angesichts der unermesslichen Blutopfer, die die deutschen, französischen und europäischen Kommunisten in diesen Tagen im Kampf gegen den Faschismus brachten, davon zu sprechen wagt, sie hätten eine profaschistische Politik betrieben, der ist ein schamloser Lügner und Verleumder. Soll er das denjenigen sagen, die damals in den KZs und Gefängnissen der Gestapo saßen!

Jeder, der ein Urteil über diese schwierige und komplizierte Situation in jenen Jahren fällen will, der die Politik der UdSSR in jener Zeit beurteilen will, muss die klaren Tatsachen, die wir angeführt haben, als Voraussetzung für sein Urteil nehmen.

Die UdSSR befand sich natürlich in einer äußerst komplizierten Lage. In dieser Lage führte sie konsequent ihre Politik durch, den Menschen den Frieden zu sichern, den Krieg zu verhindern.

Unter diesen Voraussetzungen wäre eben auch das Zusatzprotokoll zum Nichtangriffspakt ein notwendiger Schritt, die Westukrainer und Westbelorussen vor dem Faschismus zu retten, um den deutschen Faschisten klar zu signalisieren: bis hierher und nicht weiter! Die UdSSR war nicht in der Lage, die antisowjetische, profaschistische Regierung Polens zu schützen, die ihr Land lieber den Faschisten überließ.

Dass dieses Vorgehen korrekt war, läßt sich schließlich auch noch abschließend an einem anderen Fall beweisen. Als Molotow im Jahre 1940 nach Berlin kam, bot ihm Hitler persönlich an, einen Vertrag über Interessensphären im Raum des persischen Golfs und des Nahen Osten zu schließen, was Molotow rundweg ablehnte, da die UdSSR keinerlei Interessen in diesem Raum hatte und ein deutscher Angriff von dieser Seite nicht zu befürchten war.

Nach seinem Sieg in Westen brach Hitler-Deutschland den Vertrag und griff im Juni 1941 die UdSSR an. Damit aber änderte sich die Situation von neuem. Zum Abschluss dieser Epoche, zum Beginn des Krieges hielt J.W. Stalin am 3. Juli 1941 eine Rundfunkansprache an alle Bürger der UdSSR.

„Man könnte fragen: wie konnte es geschehen, dass sich die Sowjetregierung auf den Abschluss eines Nichtangriffspakts mit solchen wortbrüchigen Leuten und Ungeheuern wie Hitler und Ribbentrop eingelassen hat? Ist hier nicht von der Sowjetregierung ein Fehler begangen worden? Natürlich nicht! Ein Nichtangriffspakt ist ein Friedenspakt zwischen zwei Staaten. Eben einen solchen Pakt hat Deutschland uns im Jahre 1939 angeboten. Konnte die Sowjetregierung ein solches Angebot ablehnen? Ich denke, kein einziger friedliebender Staat kann ein Friedensabkommen mit einem benachbarten Reich ablehnen, selbst wenn an der Spitze dieses Reichs solche Ungeheuer und Kannibalen stehen wie Hitler und Ribbentrop. Dies aber natürlich unter der einen unerlässlichen Bedingung, dass das Friedensabkommen weder direkt noch indirekt territoriale Integrität, die Unabhängigkeit und die Ehre des friedliebenden Staates berührt. Bekanntlich ist der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der UdSSR gerade ein solcher Pakt. Was haben wir durch den Abschluss des Nichtangriffspakts mit Deutschland gewonnen? Wir haben unserem Lande für anderthalb Jahre den Frieden gesichert sowie die Möglichkeit, unsere Kräfte zur Abwehr vorzubereiten, falls das faschistische Deutschland es riskieren sollte, unser Land trotz des Paktes zu überfallen. Das ist ein Gewinn für uns und ein Verlust für das faschistische Deutschland. Was hat das faschistische Deutschland durch die wortbrüchige Zerreißung des Pakts und den Überfall auf die UdSSR gewonnen und was hat es verloren? Es hat dadurch für kurze Zeit eine gewisse vorteilhafte Lage für seine Truppen erzielt, hat aber in politischer Hinsicht verloren, da es sich in den Augen der ganzen Welt als blutiger Aggressor entlarvt hat“[28].

So war es dann auch. Die blutige Aggression Nazi-Deutschlands auf die UdSSR endete nicht, wie bisher gewohnt, mit einem Blitzsieg. Sie endete schließlich in Berlin, mit der Zerschlagung der Wehrmacht durch die Rote Armee.

Das ist die ganze Geschichte des Nichtangriffspakts.

Die Kübel von Schmutz, die bei jeder Gelegenheit über Stalin ausgegossen werden, zudem noch oft von Leuten, die sich links nennen, sollen nur das eine verdecken: dass die UdSSR, geführt von der KPdSU(B), geführt von J.W. Stalin, die einzige Macht war, die entschlossen und konsequent auf den Standpunkt des Friedens, der militanten Verteidigung des Friedens, der Zerschlagung des Faschismus gestellt hat. Auf den Standpunkt der Befreiung Europas vom Faschismus, wie sie dann auch erreicht wurde.

Das war die Stalinsche Außenpolitik bis zum Krieg, dem diente die ganze sowjetische Kriegsführung.

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