Anfang August 1944 erhoben sich in Warschau Zehntausende von Polen zu einem bewaffneten Aufstand gegen die verhassten Nazi-Besatzer. Wie ein Jahr zuvor die jüdische Bevölkerung im Warschauer Ghetto, so traten auch jetzt diese heldenhaften Menschen mit wenig Waffen, kaum Ausrüstung und noch weniger Proviant zu einem ungleichen Kampf gegen die gigantische Kriegsmaschinerie der deutschen Nazis an, gegen Kanonen, Panzer, Bomben und Maschinengewehre.
Sie führten einen Kampf, der jedem Bewunderung abringen muss angesichts dieses Muts und dieser Tapferkeit.
Aber ihr Kampf scheiterte. Scheiterte an der Übermacht der Nazis, scheiterte daran, dass niemand ihnen mit allen Kräften zu Hilfe kommen konnte.
Am 1. Oktober, nach mehr als acht Wochen blutigster Kämpfe, mussten die Aufständischen kapitulieren. 300000 Tote waren zu beklagen. Wie besessen hatten die Nazis die bestialische Vernichtung der Aufständischen organisiert. Dieses furchtbare Geschehen versuchte die Regierung der polnischen Obristen in ihrem Londoner Exil für ihren Kampf gegen die Sowjetunion zu nutzen. Der Kommandant ihrer „Armija Krajowa“, General Bor Komorowski, und das Mitglied der Exilregierung, MikoIajczyk, verbreiteten als Erste die Version, dass die UdSSR, die Rote Armee, Schuld an der Niederlage der Aufständischen gewesen sei. Stalin, so die polnischen Obristen, habe den Warschauer Aufstand verraten. Stalin, so behaupteten sie, habe die nationalen Kräfte des polnischen Volkes den Nazis geopfert, um nachher nach dem Sieg über die Deutschen - eine prokommunistische Regierung in Polen errichten zu können.
Deshalb habe die Rote Armee vor den Toren Warschaus ihren Vormarsch gestoppt und abgewartet, bis der Aufstand niedergeschlagen gewesen sei.
Auch dieser schmutzige Vorwurf, der zusammen mit den Lügen über die so genannte „polnische Teilung durch Hitler und Stalin“ und dem angeblichen „sowjetischen Massaker von Katyn“ die drei Hauptargumente für eine von der Reaktion behauptete polenfeindliche Politik der UdSSR darstellt, wurde zu jener Zeit von niemandem geglaubt. Auch dieser Vorwurf wurde erst später, zu einer Zeit, als es politisch nützlich erschien, erneut vorgebracht und - wider besseres Wissen - als absolute Wahrheit in die Welt gesetzt.
Betrachten wir den genauen Verlauf, die Vorgeschichte und Bedeutung dieses Aufstands und die wirklichen Taten der Roten Armee, so wird schnell klar werden, dass das eine weitere Propagandalüge der Reaktion ist.
Am 4. August 1944 sendet der britische Premier W. Churchill eine Botschaft an J.W. Stalin, die als dringend, geheim und persönlich deklariert ist. Er schreibt:
„Auf dringendes Ersuchen der polnischen Untergrundarmee werfen wir, falls das Wetter günstig ist, ungefähr 60 Tonnen Kriegsmaterial und Munition über dem südwestlichen Stadtteil Warschaus ab, in dem, wie mitgeteilt wird, ein polnischer Aufstand gegen die Deutschen im Gange ist. Die Polen erklären ferner, dass sie um russische Hilfe bitten, die sehr nahe scheint. Sie werden von anderthalb deutschen Divisionen angegriffen. Das könnte für ihre eigenen Operationen von Nutzen sein.“[33]
Stalin antwortet sofort nach Erhalt am 5. August in einer geheimen Botschaft:
„Ihre Botschaft hinsichtlich Warschaus habe ich erhalten.
Ich halte die Ihnen von den Polen übermittelte Information für stark übertrieben und für nicht sehr vertrauenswürdig. Zu einer solchen Schlussfolgerung kann man schon deshalb kommen, weil sich die polnischen Emigranten gewissermaßen die Einnahme von Wilna durch irgendwelche Einheiten der Armija Krajowa zugeschrieben haben und das sogar im Rundfunk bekannt gaben. Das entspricht aber natürlich in keiner Weise den Tatsachen. Die Armija Krajowa der Polen besteht aus einigen Abteilungen, die sich fälschlicherweise als Divisionen bezeichnen. Sie haben weder Artillerie, Flugzeuge noch Panzer. Ich kann mir nicht vorstellen, wie solche Abteilungen Warschau einnehmen wollen, das die Deutschen mit vier Panzerdivisionen, darunter die Division ‚Hermann Göring’, verteidigen.“[34]
Am 12. August schreibt W. Churchill abermals an J.W. Stalin:
„Ich habe eine erschütternde Botschaft von den Polen in Warschau empfangen, die nach zehn Tagen noch immer gegen beträchtliche deutsche Streitkräfte, die die Stadt in drei Teile aufgespalten haben, kämpfen.
Sie bitten flehentlich um Maschinengewehre und Munition. Können Sie ihnen nicht noch etwas mehr Hilfe leisten, da die Entfernung von Italien so sehr groß ist?“[35]
Stalins Antwort vom 16. August:
„l. Nach der Unterredung mit Herrn Mikolajczyk habe ich dem Oberkommando der Roten Armee befohlen, im Raum von Warschau intensiv Waffen abzuwerfen. Es ist auch ein Verbindungsmann mit dem Fallschirm abgesetzt worden, der - wie das Oberkommando meldet - seinen Auftrag nicht erfüllen konnte, weil er von den Deutschen getötet wurde.
Im weitern habe ich mich näher mit der Warschauer Angelegenheit vertraut gemacht und bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Aktion in Warschau ein unüberlegtes, furchtbares Abenteuer darstellt, das die Bevölkerung große Opfer kostet. Das hätte vermieden werden können, wenn das sowjetische Oberkommando vor Beginn der Warschauer Aktion informiert worden wäre und die Polen mit ihm Verbindung unterhalten hätten.“[36]
Sechs Tage später, in Beantwortung eines weiteren Hilferufs, den Churchill und Roosevelt gemeinsam an Stalin sandten, schreibt J.W. Stalin:
„Ihre und Präsident Roosevelts Botschaft über Warschau habe ich erhalten. Ich möchte dazu meine Meinung äußern.
Früher oder später wird die Wahrheit über die Verbrecherbande, die das Warschauer Abenteuer anzettelte, um die Macht an sich zu reißen, allen bekannt werden. Diese Elemente haben das Vertrauen der Warschauer ausgenutzt und viele praktisch wehrlose Menschen den deutschen Kanonen, Panzern und Flugzeugen ausgeliefert. Es ist eine Lage entstanden, bei der jeder neue Tag nicht den Polen für die Befreiung Warschaus, sondern den Hitlerfaschisten nutzt, die in unmenschlicher Weise die Einwohner Warschaus ausrotten.
Vom militärischen Gesichtspunkt aus ist die entstandenen Situation, die die besondere Aufmerksamkeit der Deutschen auf Warschau lenkt, sowohl für die Rote Armee wie für die Polen außerordentlich unvorteilhaft. Dennoch tun die sowjetischen Truppen, die in der letzten Zeit auf neue beachtliche Versuche der Deutschen gestoßen sind, Gegenangriffe durchzuführen, ihr möglichstes, um diese Gegenangriffe der Hitlerfaschisten zurückzuschlagen und bei Warschau zu einer neuen groß angelegten Offensive überzugehen. Es kann keinen Zweifel geben, dass die Rote Armee keine Anstrengungen scheuen wird, um die Deutschen bei Warschau zu zerschlagen und Warschau für die Polen zu befreien. Das wird die beste und wirksamste Hilfe für die polnischen Antifaschisten sein.“[37]
Was bringt J.W. Stalin dazu, die Organisatoren dieses Aufstands eine Verbrecherbande zu nennen?
Dazu muss man die Vorgeschichte des Aufstands betrachten, die Entwicklung in Polen in den Monaten vorher.
Im Januar 1944 war in Warschau der Volkskongress von Polen zusammengetreten (Krajowa Rada Narodowa). Das war die Vereinigung aller Gruppen, Parteien und Personen, die den Kampf gegen die deutschen Nazi-Okkupanten führten.
Darin war die Kommunistische Arbeiterpartei Polens führend beteiligt. Zum Volkskongress gehörten auch die Sozialistische Partei Polens, zahlreiche oppositionelle Organisationen der polnischen Bauernpartei, zahlreiche parteilose Persönlichkeiten und Gruppen von Intellektuellen und Künstlern, sowie auch militärische Untergrundorganisationen, darunter auch verschiedenen Einheiten der Armija Krajowa, die unter dem Befehl der Londoner Exilregierung standen. Einer der dort gefassten Beschlüsse war der, alle Kräfte zu Schaffung einer einheitlichen Volksarmee (Armija Ludowa) einzusetzen.
Der Volkskongress arbeitete auch mit dem 1943 in der UdSSR von Exilpolen gegründeten „Bund der polnischen Patrioten“ zusammen, sowie mit der in den Reihen der Roten Armee kämpfenden „Polnischen Armee in der UdSSR“.
Aus dem Volkskongress entstand dann das „Polnische Komitee der nationalen Befreiung“, das am Tag der Befreiung Lublins durch die Rote Armee sein Manifest von Lublin verkündete und auch Lubliner Komitee genannt wird.
Die politische Einstellung der polnischen Obristenregierung in London ist bereits verschiedentlich dargestellt worden. Für sie war der Hauptgegner bereits vor dem Kriege die Kommunisten gewesen, die polnischen wie die der UdSSR.
Diese Leute, die jetzt in London saßen, waren es gewesen, die selbst einen Einmarsch Hitlers dem Bündnis mit der UdSSR vorgezogen hatten.
Und diese Leute sahen jetzt die Gefahr, dass sich in Polen ohne sie, auch innerhalb ihrer eigenen Organisation, eine echte Volksbewegung gegen die Nazi-Okkupanten entwickelte, an der die Kommunisten teilhatten. Selbst A. Werth, von dem man weiß, dass er keine Sympathien zum Kommunismus hat, kommt angesichts der Sachlage zu folgendem Schluss:
„Es ist keine Frage, dass der Warschauer Aufstand den letzten verzweifelten Versuch darstellte, Polens Hauptstadt von den sich zurückziehenden Deutschen zu befreien und gleichzeitig zu verhindern dass das Lubliner Komitee in Warschau Fuß fasste und sich dort - nach dem Einzug der siegreichen Sowjetarmee - endgültig etablierte.“[38]
Das war der Grund dafür, dass sie faktisch sofort nach dem Manifest des Lubliner Komitees den Befehl zum Warschauer Aufstand gaben.
Die UdSSR, die Rote Armee, ihr Oberkommando waren deshalb natürlich von den Befehlshabern dieses Aufstands nicht informiert worden, keinerlei Koordination war möglich gewesen. Die Kommandierenden der Roten Armee, in Person des Generalissimus Stalin, hatten erst durch die Nachricht der britischen Regierung überhaupt von diesem Aufstand erfahren.
Zum Zeitpunkt dieser Information war bereits begonnen worden, die neuen Befehle für die Rote Armee, die am 28. Juli erlassen worden waren, durchzuführen. Diese Befehle waren folgende:
Die 3. Weißrussische Front sollte bis zum 2. August 1944 Kowno erobern und nach Ostpreußen vorstoßen, die 2. Weißrussische Front über Lomscha nach Westpreußen vorrücken und die 1. Weißrussische Front unter dem Kommando Rokossowskijs sollte Brest und Siedlce erobern und versuchen, bis zum 8. August das Ostufer der Weichsel zu erobern, vor allem Praga, das an diesem Ufer gegenüber von Warschau lag, und sie sollte südlich von Warschau mehrere Brückenköpfe am Westufer der Weichsel errichten.
Zur selben Zeit, als die Durchführung dieser Befehle begann, kam der Befehl der Obristen, in Warschau mit dem Aufstand zu beginnen.
Die Obristen beriefen sich später darauf, in der „Prawda“ habe die sowjetische Nachrichtenagentur TASS einen Artikel veröffentlicht „Auf nach Warschau“, und deshalb hätten sie den Befehl gegeben. Nun ist es einerseits völlig lächerlich, den angeblichen Partner nicht zu informieren, sich nicht mit ihm in Verbindung zu setzen, sondern auf einen Zeitungsartikel zu pochen. Andererseits war es darüber hinaus so, dass dieser Feldzug der Roten Armee schwerer war als gedacht, der deutsche Widerstand wesentlich stärker.
In der ersten Augusthälfte 1944 hatten im Raum östlich Warschaus die Deutschen die Luftherrschaft zurückerobert. Sie flogen vom 1. bis zum 13. August genau 3316 Lufteinsätze, die Rote Armee nur 3170. Das deutsche Oberkommando verstärkte seine Truppen bei Praga um eine Infanterie und vier Panzerdivisionen. Bei der Panzerschlacht vor Praga verlor die Rote Armee 500 Panzer.
In seinen „Erinnerungen eines Soldaten“ schreibt der faschistische deutsche Panzergeneral Guderian, dass die Rote Armee im August und September 1944 nicht in der Lage gewesen sei, Warschau zu nehmen, denn die Wehrmacht hatte dort alle Kräfte konzentriert. Die Naziherrscher in Berlin wussten sehr wohl, dass von Warschau aus der Weg nach Berlin offen war, deshalb hatte Hitler, so Guderian, den Befehl gegeben, „Warschau um jeden Preis zu halten“.[39]
Obwohl also die Situation äußerst schwierig war, obwohl die Sowjetführung im Recht war, dass dieser Aufstand ein Abenteuer sei, versuchte die Rote Armee alles, um den Aufständischen zu Hilfe zu kommen.
Das angebliche Stillhalten der Roten Armee in der Zeit bis Mitte September, ein Stillhalten, das - erstaunlicherweise, wenn doch nichts getan wurde - mit der Eroberung Pragas endete, hatte 160000 Sowjetsoldaten als Tote und Schwerverwundete als Opfer gehabt.
Als die Lage der Aufständischen völlig unhaltbar geworden war, bot das sowjetische Oberkommando an, für die Flucht der Aufständischen ans Ostufer der Weichsel einen Schutzring mit Artilleriefeuer zu bilden. Diesen Fluchtweg nutzten aber nur einige zehntausend der Aufständischen.
Nach der verlustreichen Einnahme von Praga im September und dem von der Wehrmacht zurückgeschlagenen Versuch, Brückenköpfe auf dem Westufer der Weichsel zu errichten, die eine direkte Kontaktaufnahme zu den Aufständischen ermöglicht hätten, verstärkten die Sowjetarmee und die in ihren Reihen kämpfenden polnischen Armeen, unter dem Kommando des Generals Berling, ihre Anstrengungen, Hilfe zu leisten. In den zwei Wochen von 14. September bis zur Kapitulation der Aufständischen am 1. Oktober 1944 flog die Rote Armee mehr als 2000 Lufteinsätze, wobei über dem Gebiet der Aufständischen pausenlos Waffen, Lebensmittel und sonstige Nachschubgüter abgeworfen wurden.
Selbst Churchill muss in seinen hetzerischen Memoiren zugeben, dass ab 10. September sowjetische Granaten den Osten Warschaus, wo die Deutschen massiert waren, konzentriert trafen, dass seit dem 14. September zahllose Sowjetflugzeuge Hilfsgüter und Waffen brachten.[40]
Dass die Haltung und Meinung der Sowjetführung richtig war, bestätigten auch zwei Offiziere der Armija Krajowa, die Warschau am 29. Juli 1944 verlassen hatten, um nach Moskau zu fahren, wo sie Mikolajczyk, das Mitglied der Londoner Exilregierung, der sich gerade in Moskau aufhielt, treffen wollten.
Das Ziel dieser Reise war es, von dem Vertreter der Exilregierung im Namen zahlreicher Offiziere von Abteilungen der Armija Krajowa die Rücknahme des Befehls zum Aufstand zu erreichen.
Bei einer Pressekonferenz des Lubliner Komitees am 26. August 1944 berichteten diese beiden Offiziere:
„Bereits am 25. Juli hatten sie von General Bor Komorowski den Befehl erhalten, sich für den Aufstand bereit zu halten. Nach Auffassung dieser beiden Offiziere hatte kein Zweifel daran bestehen können, dass die Aufständischen Warschau unmöglich halten konnten, es sei denn, sie schlugen erst im letzten Augenblick zu, das heißt zu einem Zeitpunkt, zu dem die Russen praktisch bereits in der Stadt waren. Unglücklicherweise hatten die beiden Oberste fast 14 Tage gebraucht, um Lublin zu erreichen, und als sie endlich eintrafen, war es zu spät.
Einer von ihnen, Oberst Rawicz, berichtete, das Hauptquartier habe den Befehl zum Aufstand bereits gegeben, als die Russen noch 35 Kilometer vor Warschau standen. Er und viele andere Offiziere hätten die Erteilung des Aufstandsbefehls für Wahnsinn gehalten, solange die Russen die Weichselbrücken nicht erreicht hätten. ‚Wir rechneten nicht mit einem Einmarsch der Russen vor dem 15. August. Aber der Mann auf der Straße - und sie wissen, wie mutig und romantisch die Warschauer sind - war überzeugt, die Russen würden schon am 2. August in der Stadt sein, und begeistert machte er mit...’
Rawicz schien sehr bewegt, als er von der Vernichtung Warschaus sprach. Tränen standen in seinen Augen, als er seine Frau und Tochter erwähnte, die in dem brennenden Inferno zurückgeblieben waren. Seiner Schätzung nach hatten bereits 200000 Menschen in Warschau den Tod gefunden.“[41]
Die Zahl der Opfer, wie man heute weiß, war noch weit höher.
Sie alle, die so mutig gekämpft hatten, die ihr Leben im Kampf gegen die bestialische Besatzung der Wehrmacht, SS und Gestapo geopfert haben, fielen, weil die Regierung der Obristen auf ihrem Rücken, mit ihrem Leben den Kampf um die Macht in Polen nach dem Sieg der Deutschen führte.
Dass die polnischen Obristen in London diejenigen waren, die mit dem Leben der Warschauer spielten, ergibt sich auch aus einem Brief J.W. Stalins an Churchill und Roosevelt, den er am 8. August 1944 verfasste.
Darin wird deutlich, dass die polnische Exilregierung, durch ihren Vertreter Mikolajczyk, bei dem Treffen mit den Vertretern des Lubliner Komitees in Moskau eine Zusammenarbeit verhindert hat, trotz der weitreichenden Vorschläge der Repräsentanten des Komitees, die der Exilregierung in einer gemeinsamen polnischen Regierung die Führung, das Amt des Ministerpräsidenten angeboten hatten.
„Ich möchte Sie über die Begegnung mit Mikolajczyk, Grabski und Romer informieren. Die Unterredung mit Mikolajczyk hat mich davon überzeugt, dass er über die Lage in Polen ungenügend unterrichtet ist. Dabei hatte ich den Eindruck, dass Mikolajczyk nicht dagegen ist, dass Wege zur Vereinigung der Polen gefunden werden.
Da ich es für unmöglich halte, den Polen irgendeine Lösung aufzuzwingen, habe ich Mikolajczyk vorgeschlagen, dass er und seine Kollegen sich mit den Vertretern des Polnischen Komitees der Nationalen Befreiung treffen sollten, um mit ihnen gemeinsam ihre Probleme zu erörtern, vor allem die Frage der baldigen Vereinigung aller demokratischen Kräfte Polens auf dem befreiten polnischen Territorium. Diese Begegnungen haben stattgefunden. Ich bin darüber durch beide Seiten informiert worden. Die Delegation des Nationalkomitees hatte vorgeschlagen, der Tätigkeit der polnischen Regierung die Verfassung von 1921 zugrunde zu legen, und billigte im Falle des Einverständnisses der Gruppe Mikolajczyk vier Ministersitze zu, darunter das Amt des Ministerpräsidenten für Mikolajczyk. Mikolajczyk konnte sich jedoch nicht entschließen, dem zuzustimmen. Leider haben diese Begegnungen noch nicht zu den gewünschten Resultaten geführt. Trotzdem waren sie aber von positiver Bedeutung, denn sie gaben sowohl Mikolajczyk wie auch Morawski und dem soeben aus Warschau eingetroffenen Bierut die Möglichkeit, sich gegenseitig ausführlich über ihre Auffassungen zu informieren, insbesondere darüber, dass sowohl das Polnische Nationalkomitee wie auch Mikolajczyk den Wunsch zum Ausdruck bringen, zusammenzuarbeiten und in dieser Richtung nach praktischen Möglichkeiten zu suchen. Man kann dies als erste Etappe in den Beziehungen zwischen dem polnischen Komitee und Mikolajczyk und seinen Kollegen bezeichnen. Wollen wir hoffen, dass es in Zukunft besser vorangeht.“[42]
Diese Hoffnung Stalins, die er auf die Tatsache begründete, dass sich diese Vertreter immerhin getroffen hatten, war leider vergeblich.
Die Exilregierung verweigerte die Zusammenarbeit. Den Aufstand, den sie schon vor diesem Treffen befohlen hatte, seine blutige Niederschlagung durch die Nazis, das wollte sie später dann als Argument gegen die UdSSR verwenden.
Es ist eine ungeheure Lüge, wenn angesichts der gewaltigen Opfer der Roten Armee, ihrer vielfältigen Versuche, Hilfe zu leisten, behauptet wird, sie habe abgewartet, um „den politischen Konkurrenten ermorden zu lassen“.
Es ist eine ungeheure Lüge, wenn angesichts der zahlreichen Versuche der Sowjetführung, eine einheitliche polnische Nationalregierung zu unterstützen, behauptet wird, sie habe nur Kommunisten an der Regierung sehen wollen, deshalb habe sie die Warschauer Helden geopfert.
Gerade anders liegen die Tatsachen: Es war die Exilregierung in London, diese Interessenvertretung der polnischen Feudalen und der englischen und französischen Monopolkapitalisten, die nur Antikommunisten in einer polnischen Regierung sehen wollte und deshalb dieses blutige Abenteuer befahl, den Warschauer Aufstand.